Internationale Wettbewerbsfähigkeit im Kontext ambitionierter CO2-Besteuerung – Europa allein auf weiter Flur?
Am 24. März 2026 luden die Bayerischen Industrie- und Handelskammern (BIHK) gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) mit Unterstützung des European Enterprise Networks zu einer in die Vertretung des Freistaats Bayern bei der EU in Brüssel ein, um ein hochbrisantes Thema für die bayerische Industrie auf die Bühne in Brüssel zu heben. Der Titel: Internationale Wettbewerbsfähigkeit im Kontext ambitionierter CO2-Besteuerung – Europa allein auf weiter Flur?
Politische Weichenstellungen im Jahr 2026
Das Jahr 2026 markiert einen entscheidenden Moment der europäischen Klimapolitik. Die Revision des EU‑Emissionshandelssystems (EU‑ETS) steht bevor, das zentrale Instrument der EU‑Klimapolitik innerhalb der Union. Gleichzeitig hat die CO₂‑Bepreisung über den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) begonnen, der den CO₂‑Gehalt bestimmter Importe abbildet und europäische Produzenten vor Wettbewerbsnachteilen schützen soll.
Die Leitfrage der Diskussion lautete daher: Wie gelingt Europa der Balanceakt zwischen ambitionierter Dekarbonisierung und globaler Wettbewerbsfähigkeit oder geht die EU einen Sonderweg?
Impuls: Energie als Grundlage von Wohlstand
Den Auftakt bildete David Bothe von Frontier Economics mit einer DIHK‑Studie aus dem Herbst 2025. Die zentrale These: Wohlstand basiert auf Energie, und die Energieversorgung ist das Rückgrat jeder Volkswirtschaft. In Deutschland droht die Energiewende jedoch in eine Sackgasse zu führen und gefährdet damit einen effektiven Klimaschutz. Ein „Plan B“ sollte deshalb auf Technologiewettbewerb und internationale Koordinierung als Treiber für Innovation und Wachstum setzen. Dabei bedarf es einer fein justierten Balance zwischen Klimaschutztempo und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
In der darauffolgenden Podiumsdiskussion, moderiert von Jürgen Streitner von der WKÖ, wurde im Gespräch mit der Industrie und den EU-Institutionen deutlich, dass ambitionierte Klimapolitik notwendig ist, doch nur marktwirtschaftliche, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen zugleich Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz sichern können.
Michael Bloss, MdEP und Mitglied der Fraktion der Grünen plädierte dafür, dass sich Europa aus den Abhängigkeiten von Drittstaaten lösen müsse. Die Krisen der vergangenen Jahre wie COVID‑19, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der jüngste Energiepreisschock zeigten deutlich, wie abhängig Europa noch immer von fossilen Importen ist. Die EU importiere rund zwei Drittel ihrer Energie, vor allem Öl und Gas, aus Drittstaaten und trägt damit dauerhaft höhere Preise als die Produzenten wie etwa die USA oder China. Entscheidend sei daher der massive Ausbau erneuerbarer Energien. Zwar seien die Anfangskosten hierbei hoch, doch mittelfristig könnten sie stabile und wettbewerbsfähige Energiepreise für die Industrie und Bevölkerung in der EU sichern.
Martin Becker, Stellvertretender Referatsleiter bei GD TAXUD von der Europäischen Kommission stellte klar: Der EU‑ETS sei weiterhin das Kerninstrument der Dekarbonisierung. CBAM solle dieses System ergänzen und global Anreize setzen. Schon vor seiner Einführung habe CBAM Wirkung gezeigt. Mehrere Drittstaaten hätten begonnen oder stehen in der Planung, eigene CO₂‑Bepreisungsinstrumente einzuführen. Aktuell deckt CBAM rund fünf Sektoren ab; nach 2027 könnten weitere folgen. Umsetzungsherausforderungen, etwa Berichterstattung, Methodik und internationale Konformität, würden laufend adressiert von Unternehmen und Verbänden.
Dr. Christopher Ehrenberg, Leiter der Sparte Zement von der Rohrdorfer Gruppe aus Rosenheim betonte, ohne CBAM keine Chance zu haben, gegen die internationale Konkurrenz wettbewerbsfähig zu bleiben. Allerdings sei der Zeithorizont der EU unrealistisch: Bis 2040 – dem geplanten Ende der freien Zuteilungen – müsse die Branche vollständig emissionsfrei werden. Dafür seien gewaltige Investitionen nötig:
- CO₂‑Abscheidungsanlagen (CCU/CCS)
- Transport- und Logistikrouten
- geeignete CO₂‑Speicherstätten
- eine Verdreifachung bis Vervierfachung der grünen Strommengen
Dies sei aufgrund fehlender Rahmenbedingungen kaum erreichbar.
Dies bestätigte André Buchegger, Vice President European Affairs von der voestalpine AG aus Österreich. Per se begrüßte er die Funktionsfähigkeit des ETS. Das Unternehmen plane Emissionen bis 2032 um rund 30 % zu senken und langfristig 50 % zu reduzieren – weitgehend ohne staatliche Hilfen. Doch die zweite Hälfte sei deutlich schwieriger:
Ein neues Projekt zum wasserstoffbetriebenen Hochofen scheitere bislang an mangelnder Wasserstoffinfrastruktur und fehlenden Märkten. Gleichzeitig müssten Emissionszertifikate zugekauft werden, da die freien Zuteilungen bald auslaufen, was dringend benötigte Mittel für Zukunftsinvestitionen binde.
Ein weiteres Problem seien Umgehungsstrategien wie das „Resource‑Shuffling“, etwa indem dem der grüne Anteil einer Produktion bilanziell für den Export nach Europa vorgesehen wird – sich die Gesamtmenge an grüner Energie jedoch nicht erhöht.
WTO‑Konformität, Exportregeln und globale Standards
International wird CBAM kritisch betrachtet: Fragen der WTO‑Konformität, mögliche Gegenmaßnahmen und die Gefahr internationaler inkohärenter Bepreisungsmechanismen bleiben bestehen. Die Europäische Kommission arbeite parallel an multilateralen Lösungen, etwa im OECD‑Kontext und im Klimaklub. Ein internationales Bepreisungssystem zu etablieren erweise sich als schwierig. Zentral sei jedoch, ein einheitliches CO₂‑Accounting, um Bürokratie und Compliance‑Kosten für Unternehmen gering zu halten.
Für die Exportseite schlägt die Europäische Kommission eine temporäre Unterstützung vor, flankiert durch einen dekarbonisierungsorientierten Fonds, der im neuen mehrjährigen Finanzrahmen für die Jahre 2038-2034 verhandelt wird. Zudem steht die Revision des ETS bevor und könnte weitere Erleichterungen für die Industrie bringen.
Aus Sicht der Unternehmen kristallisierten sich drei zentrale Forderungen heraus:
- Realistische Zeitpläne – Investitionen in Netze, erneuerbare Energien und CCS/CCU benötigen Planungssicherheit.
- Stabile Rahmenbedingungen – insbesondere zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit und zum Schutz vor Carbon Leakage.
- Fortführung der kostenlosen Zuteilungen im Einklang mit der deutschen und europäischen Klimazielgesetzgebung.
Die Veranstaltung zeigte deutlich: Europa steht vor einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Ambitionierte Klimapolitik bleibt notwendig, doch nur marktwirtschaftliche, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen können zugleich Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz sichern. Unternehmen haben den Anspruch, klimafreundliche Produkte auf den Markt zu bringen. CBAM und ETS bilden hierfür den Kern, müssen jedoch eng verzahnt und praxisnah ausgestaltet werden.