BIHK-Konjunkturumfrage: Bayerische Wirtschaft überwindet ersten Corona-Schock

Gößl: „Wachstumsdynamik lässt nach“ / Zweiten Lockdown verhindern

 

München (20.10.2020) – Die bayerische Wirtschaft hat den historischen Einbruch durch die Corona-Pandemie zum Großteil überwunden. Der BIHK-Konjunkturindex ist seit Mai von 81 auf 107 Zähler zurückgeschnellt und liegt damit aktuell nur knapp unter dem langjährigen Durchschnitt. Die rasche Erholung markiert das größte Stimmungsplus zwischen zwei aufeinanderfolgenden Erhebungen seit Umfragebeginn im Jahr 1993, so der Herbst-Konjunkturbericht des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK). Rund 4.000 Unternehmen im Freistaat nahmen Ende September an der Erhebung teil.

 

„Die bayerische Wirtschaft hat sich schneller als erwartet vom Corona-Schock erholt. Mehr als zwei Drittel des Wegs zurück zum Vorkrisenniveau sind bereits zurückgelegt. Die Dynamik der Erholung lässt allerdings in den kommenden Monaten deutlich nach. Mit einer vollständigen Rückkehr auf das Vor-Corona-Niveau ist frühestens 2022 zu rechnen“, sagt BIHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl.
 

„Bereits in der Umfrage Ende September haben die anhaltenden Corona-Sorgen die Aussichten der Unternehmen erheblich eingetrübt. Angesichts der seither spürbar steigenden Infektionszahlen sind diese Sorgen keinesfalls geringer geworden. Umso mehr müssen wir alles daran setzen, einen erneuten Corona-Schock für die Wirtschaft zu vermeiden“, so Gößl weiter. „Ein nochmaliger flächendeckender Lockdown der Wirtschaft wäre fatal. Was wir jetzt brauchen, sind ausbalancierte und regional zugeschnittene Maßnahmenkonzepte, die wirtschaftliche Aktivität und Infektionsschutz gewährleisten. Dass lässt unseren Betrieben Luft zum Atmen bei der weiteren Erholung“, fordert der BIHK-Chef. Deswegen begrüße der BIHK die Hotspot-Strategie von Bundesregierung und Freistaat.

 

Bislang berichten die Unternehmen noch von einer deutlich besseren Geschäftslage als im Mai. Der entsprechende Saldenwert stieg von minus 18 Punkten auf plus 9 Punkte an. „Die anfänglichen Befürchtungen, eine zu starke Abhängigkeit von fragilen internationalen Lieferketten würde ein schnelles Hochfahren verhindern, sind nicht eingetreten“, sagt Gößl. Die Unternehmen rechnen allerdings nur mit wenig Wachstum in den kommenden Monaten: Zwar haben sie ihre Geschäftserwartungen per Saldo von minus 20 auf plus 5 Punkte kräftig angehoben. Im Vergleich zu früheren Erholungen nach Rezessionen ist dieser Wert allerdings eher enttäuschend.
 
Auch die Aussichten für den bayerischen Arbeitsmarkt bleiben weiter gedämpft. Zwar wollen weniger Unternehmen als noch im Frühjahr Personal abbauen, unterm Strich bleibt der Saldo der Beschäftigungserwartungen aber im negativen Bereich bei minus 11 Punkten. Zur Anpassung ihrer Personalkapazitäten setzen die Unternehmen vor allem auf Kurzarbeit, natürliche Fluktuation und Arbeitszeitkonten.
 

Als Erklärung für das gemischte Bild verwies BIHK-Chef Gößl auf den fast vollständigen Einbruch aufgrund von Corona-Beschränkungen in einzelnen Branchen wie dem Hotel- und Gastgewerbe, der Veranstaltungs- und Kulturwirtschaft sowie vor allem auch der Reise- und Luftfahrtbranche. „Solange Sektoren, die von sozialen Kontakten geprägt sind, weiter durch das Virus eingebremst werden, kann die Wirtschaft nicht mit ganzer Kraft zurückkommen. Wir müssen uns auf diese sogenannte ‚90-Prozent-Wirtschaft‘ noch über Monate einstellen“, sagt Gößl. Zudem würden nach wie vor strukturelle Herausforderungen wie die alterungsbedingte Abnahme der Erwerbstätigen, die Transformation zu emissionsfreien Antrieben, der stockende Ausbau der Digital- und Energienetze sowie hohe Strompreise das Wachstumspotenzial dämpfen. Dazu kommt internationaler Gegenwind durch den Brexit und die Handelsstreite zwischen China, USA und EU.

 

BIHK-Präsident Eberhard Sasse untermauerte die Forderung, dass ein zweiter flächendeckender Lockdown unbedingt zu vermeiden sei. „Was die Wirtschaft jetzt braucht, ist wirtschaftspolitischer Rückenwind. Dazu gehört nach wie vor ein Belastungsmoratorium, damit in dieser Krisenzeit der Rucksack aus Bürokratie, Vorschriften und Regularien für die Unternehmen nicht noch schwerer wird“, so Sasse. Besonders kritisch sieht Sasse die bisherigen Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz, den Entwurf eines Unternehmensstrafrechts und das EU-Vorhaben zur Lenkung von Finanzströmen unter der Überschrift „Sustainable Finance“, da alle diese Pläne vor allem bei kleinen und mittelständischen Firmen zu nicht mehr stemmbaren Bürokratiebelastungen führen.
 

„Die staatlichen Unterstützungsprogramme haben zur Erholung beigetragen. Nach wie vor sind einige Branchen stark von Corona-Beschränkungen betroffen. Daher unterstützen wir die Verlängerung der Überbrückungshilfe“, sagt der BIHK-Präsident. Gleichzeitig setzten sich die bayerischen IHKs für gezielte Unterstützung für Soloselbstständige ein. „Wir können die Krisen-Medikation aber nicht auf Dauer aufrechterhalten, denn sie kostet immense Summen, beeinträchtigt den Wettbewerb und erhöht die Gefahr der Zombifizierung“, so Sasse weiter. „Außerdem sind die Hilfsprogramme von heute die Steuererhöhungen von morgen. Daher müssen wir einen geordneten Ausstieg orchestrieren.“


Gleichzeitig mahnt Sasse mit Blick auf den internationalen Wettbewerb ein Fitnessprogramm für den Standort Deutschland nach der Corona-Zeit an. „Bei Unternehmenssteuern, Energiepreisen und öffentlichen Investitionen kann die Politik viel tun, damit unsere Wirtschaft wieder stärker wächst. Während bei uns die Erholung bereits nachlässt, brummt in China die Wirtschaft schon wieder“, so der BIHK-Präsident.

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