Bayerische Wirtschaft im Abwärtssog

BIHK-Konjunkturindex fällt zum fünften Mal in Folge / Niedrigster Wert seit neun Jahren

 

München (23.10.2019) – Der Sinkflug der bayerischen Wirtschaft beschleunigt sich. Seit Mai hat der BIHK-Konjunkturindex elf Zähler eingebüßt, der stärkste Rückgang seit Herbst 2011. Seit dem Höhepunkt des Booms Anfang 2018 ist das Konjunkturbarometer fünf Mal in Folge gefallen und hat insgesamt 23 Punkte verloren, so das Ergebnis der Herbst-Konjunktur-umfrage des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK) unter rund 3.700 Unternehmen in Bayern.


Das ist der stärkste Stimmungsknick in der bayerischen Wirtschaft seit der Finanzkrise von 2008/2009. Mit 113 Punkten liegt der Konjunkturindex nur noch auf dem Niveau seines langjährigen Durchschnitts. „Der Boom ist endgültig beendet, der seit 2012 andauernde Aufschwung ist vorbei“, sagt BIHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl. „Alle Signale deuten auf eine gesamtwirtschaftliche Stagnation. Die Wirtschaft wird nur noch vom privaten Konsum gestützt. Die Industrieproduktion sowie das Auslandsgeschäft der bayerischen Unternehmen sind bereits im Minus“, so Gößl.


Die stark exportorientierte bayerische Wirtschaft, insbesondere die Industrie, werde von einem Mix von Störfaktoren verunsichert. Dazu gehören die schwelenden Handelskonflikte zwischen China, USA und Europa, die bislang unklaren Brexit-Szenarien und ein weltweit abflauendes Wirtschaftswachstum. „Außerdem steckt Bayerns Leitbranche, die Automobilindustrie mitsamt ihren mittelständischen Zulieferern, in einem fundamentalen Wandel. Alternative Antriebe, autonomes Fahren, vernetzte Fahrzeuge und neue Mobilitätsangebote sind nicht nur Herausforderungen, sondern auch Faktoren der Verunsicherung bei Produzenten und Verbrauchern“, unterstreicht der BIHK-Chef.


Immerhin bewerten noch 46 Prozent aller befragten Unternehmen ihre Lage als gut, nur elf Prozent sind aktuell unzufrieden. Alarmierender sind die Angaben zu den Geschäftserwartungen: Erstmals seit sieben Jahren überwiegt der Anteil der Firmen, die schlechtere Geschäfte in den nächsten zwölf Monaten erwarten. Diesen 22 Prozent der Befragten stehen nur 17 Prozent gegenüber, die optimistisch sind. In der Industrie fallen die Geschäftserwartungen besonders trüb aus: 28 Prozent der Betriebe erwarten Rückgänge, nur 15 Prozent Zuwächse. Dagegen halten sich bei Dienstleistern und im Groß- und Einzelhandel Optimisten und Pessimisten noch die Waage. Im Baugewerbe kommt es zu einer etwas stärkeren jahreszeitlich typischen Eintrübung, aber auf immer noch hohem Niveau.


Als Folge der schwachen Aussichten kürzen die Unternehmen ihre Beschäftigungs- und Investitionspläne. Der Saldowert der Investitionsabsichten sinkt auf den niedrigsten Wert seit sieben Jahren, liegt aber noch im positiven Bereich. Erstmals seit der Finanzkrise wollen mehr bayerische Unternehmen Stellen streichen (18 Prozent) als aufbauen (16 Prozent). Die Mehrheit der Betriebe, die ihre Belegschaft verkleinern, setzt auf natürliche Fluktuation. Weniger als ein Fünftel der Betriebe, die einen Personalabbau erwarten, wollen Kündigungen aussprechen. Bei einem weiteren Fünftel ist der Personalabbau nicht gewollt – diese Betriebe geben an, dass der Fachkräftemangel die Wiederbeset-zung von Stellen verhindert.
Insgesamt sehen noch 55 Prozent der Unternehmen im Fachkräftemangel ein Risiko, das ist der niedrigste Wert seit gut zwei Jahren. Erstmals seit drei Jahren werden Sorgen vor einer Eintrübung der Inlandsnachfrage am zweithäufigsten genannt (51 Prozent). Die wirtschaftspolitischen Risiken erreichen mit 49 Prozent ein Rekordniveau.


„Es ist nun höchste Zeit, die Standortbedingungen für die Unternehmen zu verbessern und eine aktive, wettbewerbsorientierte Wirtschaftspolitik zu verfolgen. Das Gebot der Stunde zur Wiederbelebung der Konjunktur sind Anreize für Investitionen“, forderte Gößl. Deutschland sei ein Höchststeuerland. Deshalb müsse der Steuersatz für einbehaltene Gewinne von derzeit über 30 Prozent auf das international übliche Niveau von 25 Prozent gesenkt werden. Als Sofortmaßnahme für eine schnellere Digitalisierung empfiehlt Gößl realitätsnahe und damit deutlich kürzere Abschreibungszeiträume für die Anschaffung von Hard- und Software. Ebenso müsse die Wertgrenze für sofort vollständig abschreibungsfähige Güter, die sogenannten geringwertigen Wirtschaftsgüter, von 800 auf 1.000 Euro angehoben werden.


Zudem sei Deutschland das Land mit den weltweit höchsten Strompreisen. Gerade die stromkostenintensive Industrie brauche einen verlässlichen und wettbewerbsfähigen Industriestrompreis, der 40 Euro je Megawattstunde nicht überschreiten dürfe. Dazu sollten die besonders restriktiven deutschen Regelungen bei der Belastung mit Stromsteuern und -abgaben auf EU-Mindestniveau angeglichen werden. „Mit solchen Maßnahmen für faire Wettbewerbsbedingungen kann die Politik klare und glaubwürdige Anti-Rezessionssignale an die Wirtschaft schicken“, so der BIHK-Chef.

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